Qualitätsmanagement an der BBS Alzey

Schüler im Unterricht

Februar.2013 - ALZEY (DGUV pluspunkt)

Lehrkräfte der Berufsbildenden Schule Alzey haben die schulischen Prozesse ganz genau im Blick. Seit 2009 analysieren sie in Arbeitsgruppen mit den Schülerinnen und Schülern, was sie an ihrer Schule verbessern können. Die individuelle Förderung steht dabei im Fokus.

 

Gerade hat es gegongt. 16 Schülerinnen und Schüler betreten den halbrunden Klassenraum. Einige überlegen noch, auf welchen Platz sie sich setzen wollen. Zu Beginn der Stunde legt die Deutschlehrerin Jutta Wahl Aufgaben mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden aus.

Sie begrüßt die Schüler: "Guten Morgen!". Ein träges "Guten Morgen, Frau Wahl" schallt zurück. Die 15- bis 17-Jährigen nehmen an dem Förderunterricht Deutsch teil. Diesen bietet die Schule zusätzlich zum regulären Unterricht an. Je nach Leistungsstand holen sie sich ihre Unterlagen. Dann kehrt Ruhe im Raum ein. Jeder ist nun selbst gefordert und arbeitet eigenverantwortlich in seinem Tempo an den Aufgaben. Jutta Wahl betreut die Klasse. Sie ist zwar Deutschlehrerin, aber nicht die zuständige Fachlehrerin. So kann sie unbefangen auf die Schülerinnen und Schüler eingehen und Zusammenhänge noch einmal anders darstellen als die Fachlehrerin oder der Fachlehrer. "Davon profitieren die Schüler. Oftmals versteht der eine oder andere Schüler den Lernstoff dann besser", erläutert Jutta Wahl.

Selbstorganisiertes Lernen

Anfang des Jahres schreiben die Schülerinnen und Schüler des Förderunterrichts eine Leistungsprüfung, die ihnen zeigt, worin sie schon gut sind und wo noch Nachholbedarf besteht. Auf dieser Basis entwickeln die Lehrkräfte mit ihnen individuelle Förderpläne und schließen Lernverträge ab. "Sie setzen sich eigene Ziele, um ihre Leistungen zu verbessern", erklärt Wahl. Bevor sie mit Fragen zu der Lehrerin kommen, helfen sie sich gegenseitig. Die Lehrkraft gibt nicht mehr alles vor. Der Vorteil: Der Erklärende vertieft die Lerninhalte und sein Gegenüber fühlt sich ernst genommen. Dies fördert auch den Kontakt untereinander. "Nach einer gewissen Zeit wiederholen die Schülerinnen und Schüler den Leistungstest. Der zeigt ihnen, ob sie sich verbessert haben. Daraufhin werden neue Förderpläne erstellt", betont Wahl. Auch für die Lehrerinnen und Lehrer war dies eine Umstellung - weg vom Frontalunterricht hin zum Individualkonzept. "80 Prozent der Lehrkräfte setzen das Individualkonzept in ihrem Unterricht um, 20 Prozent bleiben beim herkömmlichen Unterricht", resümiert Volker Wolff, Qualitätsbeauftragter und Lehrer für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre sowie Datenverarbeitung. "Die Schüler mögen aber auch den Wechsel", ergänzt Ulla Hagemeister, ebenfalls Qualitätsbeauftragte der Schule sowie Lehrerin für Deutsch, Betriebswirtschaftslehre und Projektmanagement.

Finanzielle Unterstützung

"Wir Lehrerinnen und Lehrer fragen uns immer wieder, welche Kriterien und welche Standards eine Schule erfüllen muss, damit sie von uns und der Schülerschaft als qualitativ gut empfunden wird", berichtet Hagemeister. Deshalb bilden engagierte Lehrkräfte Arbeitsgruppen, zum Beispiel um den "Tag der offenen Tür" und "Projektwochen" zu organisieren, aber auch um Fortbildungen für Lehrkräfte und Ausflüge mit den Schülerinnen und Schülern zu realisieren. Aber auch Themen wie Personalstruktur, Feedbackkultur, Schulklima und wie die Lehrkräfte mit Ausfallstunden umgehen, besprechen sie gemeinsam. Als "Qualitätsbeauftragte" der Schule koordinieren Ulla Hagemeister und Volker Wolff gemeinsam mit der Steuergruppe die Arbeitsgruppen. "Seit 2009 beteiligen wir uns an dem Schulversuch "Eigenverantwortliche Schule, Qualitätsmanagement und eine veränderte Lehr- und Lernkultur" (EQuL) des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz wie zehn weitere Schulen. Das Land unterstützt das Projekt konzeptionell und finanziell. Ziel ist es, dass die Schulen mehr Eigenverantwortung übertragen bekommen. "Eigenverantwortlich arbeiten heißt auch, dass wir das Geld, das wir vom Land bekommen, gezielt einsetzen, zum Beispiel für Vertretungsunterricht: Fehlt eine Lehrkraft, schließen wir befristete Verträge mit Studenten oder Müttern und Vätern, die einen entsprechenden Abschluss haben, aber wegen des eigenen Nachwuchses nur halbtags arbeiten wollen", erklärt Wolff. "Oder wir verwenden das Geld für Fortbildungen", fährt Hagemeister fort. "Ich habe zum Beispiel eine Fortbildung zum Zeitmanagement gemacht. Das war toll. Ich kann die Inhalte eins zu eins im Sockeltraining der höheren Berufsfachschule Hauswirtschaft umsetzen."

Beim Sockeltraining werden die Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Arbeitsund Lernmethoden, Teamentwicklung sowie Kommunikation geschult, damit sie lernen, eigenverantwortlich zu arbeiten. Außerdem werden die Finanzen auch für Unterrichtsprojekte eingeplant. "In Vorbereitung auf ihre Abschlussprüfung haben die Jugendlichen der Berufsschule Hauswirtschaft gemeinsam mit dem Fünfsterne-Koch Sebastian Kauper gekocht", erzählt Wolff lächelnd. "Es gab Wildkräutersalate und Geschnetzeltes von der Pute auf Graupenrisotto an glasiertem Mangold", ergänzt Hagemeister. "In den Unterricht eingebunden, zeigte er den angehenden Köchinnen und Köchen technische Kniffe und organisatorisches Know-how." "Herr Kauper arbeitete so schnell, das sind wir gar nicht gewohnt", meldeten die Schülerinnen und Schüler zurück. "Der hatte den totalen Überblick, er wusste immer, was überall passierte."

Externe und interne Evaluationen

"Die Schule ist stets im Wandel. Berufsbilder ändern sich, die Schüler ändern sich. Deshalb heißt es für uns immer wieder, Probleme zu identifizieren und kreative Lösungen zu finden", betont Volker Wolff. "Und verändern kann nur der, der Abläufe reflektiert." Deshalb werden an der BBS Alzey regelmäßig Evaluationen durchgeführt - extern und intern. "Extern über die Agentur für Qualitätssicherung. Gelenkt wird dies von der Schulaufsichtsbehörde", erzählt Peter Kurzmeier, Leiter der Schule. "Intern äußern Schülerinnen und Schüler über Fragebögen ihre Vorstellungen, beispielsweise darüber, wie der Unterricht gestaltet werden kann." Zweimal im Jahr geben sie ihr Feedback. So kam bei der Befragung heraus, dass sie sich weniger Ausfallstunden und ein geregeltes Mittagessen wünschen. "Die Ausfallstunden haben wir momentan ganz gut im Griff - durch die finanzielle Unterstützung des Landes. Nur beim Mittagessen stoßen wir an juristische Grenzen", berichtet Christian Fuhrmann, Lehrer für Informatik, Mathematik und Sport. "Da die BBS zwar eine Schule mit Ganztagsangebot ist, aber keine Ganztagsschule, suchen wir noch nach einer Lösung, zum Beispiel nach praktikablen Kooperationsmöglichkeiten mit anderen Schulen."

Neben dem allgemeinen Feedback bewerten die Schülerinnen und Schüler aber auch den Unterricht ihrer Lehrerinnen und Lehrer. Sie geben ihnen beispielsweise Zeugnisse oder Rückmeldungen zu Arbeitsmaterialien. "Allerdings bleiben die Beurteilungen, anders als in den sozialen Netzwerken, nicht offen im Raum stehen. Die Lehrer sprechen mit den Schülern darüber", erklärt Ulla Hagemeister. "Die Schüler merken sehr schnell, ob ein Lehrer die Fragebögen verteilt, weil er es muss, oder ob er es ehrlich meint. Wer offen mit den Rückmeldungen der Schüler umgeht, erhält sehr ehrliche und konstruktive Einschätzungen." Auch die Lehrkräfte geben regelmäßig ihr Feedback. Im Mittelpunkt stehen für sie das gute Betriebsklima und die Zusammenarbeit zwischen den Lehrkräften der verschiedenen Lehrbereiche. "Als Rückzugsort planen wir eine Lehrerbibliothek mit Lehrerarbeitsplätzen. Dort können die Lehrkräfte dann auch ungestört arbeiten", ergänzt Wolff.

Öffentlichkeitsarbeit

Ulla Hagemeister betreut mit anderen Kolleginnen und Kollegen die schuleigene Website. "Ich stelle Beiträge zusammen, zum Beispiel zum Tag der offenen Tür, zu Projektwochen oder Informationen zur Berufsinformationsmesse. Auch die Schülerinnen und Schüler schreiben Artikel für die Website." Zur Öffentlichkeitsarbeit gehört aber auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer in die umliegenden Schulen gehen und das Konzept der berufsbildenden Schule vorstellen. "An der BBS Alzey haben die Schüler mehrere Abschlussmöglichkeiten - von der Berufsreife, über die mittlere Reife zur Fachhochschulreife", erklärt Wolff. Für Beratung und Unterstützung der Schülerinnen und Schüler kooperiert die Schule mit externen Partnern wie der Industrie- und Handelskammer - der Verbindung zu den Ausbildungsbetrieben - oder der Agentur für Arbeit. "Sobald der Schulversuch ausläuft, ändern sich auch wieder die Rahmenbedingungen für unsere Arbeit. In erster Linie bedeutet dies weniger Geld für Fortbildungen und Schülerprojekte", resümiert Brigitte Glismann, erste Stellvertretende Schulleiterin und Lehrerin für Betriebs- und Volkswirtschaftslehre. "Aber gerade dann heißt es, neue Wege zu finden, die Qualität der Schule zu sichern, zum Beispiel durch neue Kooperationsmöglichkeiten", bringt Wolff optimistisch in die Runde ein.

Leitbild der Berufsbildenden Schule Alzey

  • In unserer Schule qualifizieren sich die Schülerinnen und Schüler für Leben und Beruf.
  • Unsere Schule fördert Entwicklung und fordert Leistung.
  • Unsere Schule arbeitet in allen Bereichen professionell.
  • In unserer Schule fühlen wir uns wohl, wir arbeiten und lernen dort gerne.
  • Unsere Schule arbeitet mit ihren Partnern aktiv zusammen.
  • In unserer Schule wird offen kommuniziert.

Autorin

Diane Zachen ist Redakteurin bei DGUV pluspunkt.